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Erfolgsstorys -
Peine.NextLevel
Digitalisierung in der Gesundheitslogistik
Wenn jede Minute zählt: NOWEDA sichert mit KI die Arzneimittelversorgung
800.000 Medikamentenpackungen im Monat und bis zu drei Belieferungen täglich von rund 300 Apotheken – hinter der Arzneimittelversorgung in Peine und der Region steht ein hochkomplexes Logistiksystem am Peiner Standort der NOWEDA Apothekergenossenschaft eG. Alexander Mühlpforte, Betriebsleiter der NOWEDA in Peine, spricht im Interview mit Peine.NextLevel über den Einsatz von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz in Zeiten von Arzneimittelknappheit sowie über die Herausforderungen eines systemrelevanten Unternehmens zwischen Versorgungssicherheit, Nachhaltigkeit und Fachkräftesicherung.
Herr Mühlpforte, könnten Sie uns einige Zahlen nennen, um eine Vorstellung von den Dimensionen der Logistik am Standort von NOWEDA in Peine zu bekommen?
Am Standort Peine beliefern wir rund 300 Apotheken im Schnitt dreimal täglich plus einmal in der Nacht, das sind rund 800.000 Packungen im Monat, die in der Apotheke an Patientinnen und Patienten übergeben werden. Konkret lagert die NOWEDA bundesweit knapp 160.000 verschiedene Arzneimittel und weitere apothekenübliche Waren. Besonders häufig nachgefragte Arzneimittel hat jede Niederlassung immer vorrätig. Zusätzlich findet ein Austausch zwischen den 20 Niederlassungen in Deutschland statt. Haben wir hier in Peine zum Beispiel ein selten benötigtes Medikament nicht vorrätig, wird es uns aus einem anderen Haus über Nacht geliefert.
Vom Druck auf den Bestell-Button bis zur Anlieferung: Wie lange dauert die Reise eines Medikaments aus dem NOWEDA-Lager in Peine bis zur Apotheke?
Zwischen dem elektronischen Auftragseingang und dem Moment, in dem die Bestellung ins Transportfahrzeug verladen werden kann, vergehen im Schnitt 45 Minuten. Ab dann kommt es darauf an, wo sich die Apotheke befindet. In unmittelbarer Nähe sind wir innerhalb kürzester Zeit, aber unser Belieferungsgebiet erstreckt sich etwa von Lüchow im Norden bis Northeim im Süden. Nach Osten beziehungsweise Westen fahren wir etwa bis kurz vor Magdeburg und Hannover. Die Belieferung der Apotheken erfolgt dabei in fest vereinbarten Touren. Das heißt mehrere Apotheken werden nacheinander angefahren und wissen auch, wann ihre Tour ankommt. Entsprechend informieren sie ihre Kunden vorab, wann genau das bestellte Medikament abgeholt werden kann. Im Grunde können Sie sich die NOWEDA als riesiges Warenlager im Hintergrund der Apotheke vorstellen, denn selbst große Apotheken können nicht alle auf dem Markt verfügbaren Medikamente vorhalten.
Wie hat die Digitalisierung die Lieferprozesse beschleunigt?
Der pharmazeutische Großhandel ist bei diesem Thema schon immer ganz weit vorne. Die NOWEDA wurde 1939 gegründet, sehr gern nutzen wir daher den Claim „Same day delivery seit mehr als 80 Jahren“. Denn dass ein nicht verfügbares Medikament noch am Tag der Verordnung in die Apotheke geliefert wird, damit der Patient direkt mit der Therapie beginnen kann, zeichnet den pharmazeutischen Großhandel bereits seit Jahrzehnten aus.
Vieles wurde im Laufe der Zeit weiter optimiert, schon sehr lange arbeiten wir etwa mit der sogenannten „Handy-Kommissionierung“. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tragen ein spezielles Gerät am Handgelenk, das dabei hilft, das Risiko möglicher Greiffehler und damit Falschbelieferungen auf ein absolutes Minimum zu reduzieren. Zudem verfügen viele NOWEDA-Niederlassungen über Automaten, die zum Beispiel besonders häufig nachgefragte Arzneimittel in Rekordgeschwindigkeit kommissionieren können. Ganz aktuell ist der Einsatz von künstlicher Intelligenz zur Prognose der Liefersituation ein wichtiges Thema. Leider haben Lieferengpässe in den vergangenen Jahren drastisch zugenommen. Durch KI-gestützte Prozesse verbessert der zentrale Einkauf die Warenverfügbarkeit und optimiert so die Bestellmengen.
Welche Anforderungen stellt die zunehmende Digitalisierung an die Qualifikation und Weiterbildung der Beschäftigten?
Die meisten Kolleginnen und Kollegen hier vor Ort in Peine sind in der Lagerlogistik tätig. Die Digitalisierung zeigt sich vor allem in der Anwendung moderner Systeme wie Lagerverwaltungstechnik. Das Team muss diese sicher bedienen können und offen für Veränderungen sein. Die eigentliche IT- und Prozessweiterentwicklung erfolgt zentral im Unternehmen, während wir vor Ort die praktische Umsetzung sicherstellen.
Welche Bedeutung hat NOWEDA für die Versorgungssicherheit der Apotheken?
Die NOWEDA spielt als vollversorgendes pharmazeutisches Großhandelsunternehmen eine wichtige Rolle in der kritischen Infrastruktur. Arzneimittel sind Waren der besonderen Art – in der Regel müssen sie den Patienten sehr schnell zur Verfügung gestellt werden. Durch unsere Logistik können wir Apotheken mehrmals am Tag bedarfsgerecht beliefern. Sie bestellen in festgelegten Zeitfenstern die benötigten Waren und wissen, dass sie sie nur wenige Stunden später erhalten. Berücksichtigt sind auch plötzliche Notfälle wie etwa Blackouts. Ein Notstromaggregat ermöglicht es uns, den Betrieb für mindestens 72 Stunden aufrecht zu erhalten. Kurzum: Wir sind für die Gesundheitsversorgung in Deutschland systemrelevant.
Welche besonderen Herausforderungen gibt es im pharmazeutischen Großhandel?
Es gibt verschiedene Themen, die uns beschäftigen. Dazu zählt unter anderem die Großhandelsvergütung, die sich aus einem prozentualen Aufschlag auf den Herstellerabgabepreis sowie einem festen Zuschlag pro Packung zusammensetzt. Da der variable Anteil gedeckelt ist, steigen die Erlöse bei hochpreisigen Arzneimitteln nicht unbegrenzt mit. Diese Vergütungsstruktur ist daher nicht mehr zeitgemäß und müsste dringend angepasst werden, um den Großhandel nicht weiter zu belasten.
Weitere Themen sind die hohen Energiekosten, der deutliche Mehraufwand aufgrund zunehmender Lieferengpässe und die hohen Transportauflagen für Arzneimittel im Vergleich zum Versandhandel aus dem EU-Ausland. Der Großhandel ist zum Beispiel verpflichtet, ausschließlich GDP-konforme Transportfahrzeuge mit klimatisierter Ladefläche zu nutzen, damit auf dem Weg zur Apotheke die vorgeschriebene Lagerungstemperatur nicht überschritten wird. Wenn Sie sich die Temperaturen allein im Juni dieses Jahres anschauen, ist das im Hinblick auf die Wirkstoffstabilität auch absolut legitim. Zeitgleich verschicken jedoch Online-Medikamentenversender mit Sitz in den Niederlanden Tabletten per Paketdienst, dessen Ladefläche im Sommer hohe Temperaturen entwickeln können. Hier muss die Politik im Sinne des Verbraucherschutzes dringend nachjustieren.
Welche Vorteile bietet die Rechtsform der Genossenschaft für NOWEDA?
Vorteile haben insbesondere die Apothekerinnen und Apotheker. Sie sind Mitglieder und Eigentümer der NOWEDA und profitieren nicht zuletzt von einer jährlichen Dividende. Der Einkauf bei uns bedeutet also gleichzeitig eine Investition in das eigene Unternehmen, die sich am Geschäftsjahresende auszahlt. Es gibt also keine externen, branchenfremden Stakeholder wie bei anderen Kapitalgesellschaften. Hinzu kommt, dass die NOWEDA sich als apothekereigenes Unternehmen auch etwa auf politischer Ebene für Vor-Ort-Apotheken einsetzt – unter anderem durch Kampagnen, die die Bedeutung der dezentralen und wohnortnahen Versorgung kommunizieren. Hinzu kommt der regelmäßige Austausch mit Bundes- und Landespolitikern.
Fördertechnik und Kühlsysteme benötigen viel Energie, dazu kommt der Lieferverkehr – wie verringert NOWEDA ihren ökologischen Fußabdruck?
In Peine verfügen wir über eine Photovoltaikanlage mit einer Leistung von ca. 180 kwp, bei sommerlichen Temperaturen reicht der produzierte Strom tagsüber für den Betrieb des kompletten Lagers. Zudem wurde kürzlich unsere Kühlzellentechnik modernisiert. NOWEDA-weit werden immer mehr PV-Anlagen installiert und erweitert. Natürlich interessieren wir uns auch für alternative Antriebe und testen elektro- und wasserstoffangetriebene Fahrzeuge, um zu eruieren, ob in Zukunft vermehrt alternative Antriebe für den Transport genutzt werden können.
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