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Erfolgsstorys -
Peine.NextLevel
Interview
„Für Ingenieure bietet die BGE ein großes Spielfeld“
Die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) mit Sitz in Peine arbeitet an Aufgaben mit hoher Relevanz für die gesamte Gesellschaft in Deutschland. Im Interview mit Peine.NextLevel spricht Iris Graffunder, Vorsitzende der Geschäftsführung der BGE, über kaum zu erfassende Zeiträume, in aller Welt gefragtes Fachwissen aus Peine und den Grund für die Suche nach der langweiligsten Geologie in Deutschland.
Peine Marketing: Frau Graffunder, die Suche nach einem Endlager für die Altlasten der Energieerzeugung ist eine generationenübergreifende Aufgabe. Wie prägt diese langfristige Verantwortung die tägliche Arbeit der BGE?
Iris Graffunder: All unsere Projekte wie die Errichtung des Endlagers Konrad oder die Stilllegung des Endlagers Morsleben sind Projekte über viele Generationen hinweg – aber bei der Suche nach einem Endlager für hochradioaktive Abfälle stehen wir erst ganz am Anfang – daher ist der Zeithorizont noch länger. Am Standort Peine befassen sich derzeit etwa 200 Mitarbeitende mit der Endlagersuche – davon viele junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Und mit Blick auf die langen Zeiträume, die wir für die Endlagersuche benötigen, werden wir immer wieder Nachwuchskräfte brauchen.
Peine Marketing: Laut des Standortauswahlgesetzes soll ein Endlager die bestmögliche Sicherheit für eine Million Jahre gewährleisten. Was bedeutet ein solch langer Zeithorizont für ihre Arbeit?
Iris Graffunder: Das Standortauswahlgesetz macht uns keine einfache Vorgabe. Geologisch betrachtet sind eine Million Jahre nur eine Sekunde, aber für uns Menschen ist so ein langer Zeitraum kaum zu erfassen. Dadurch ist es sehr schwierig, einen Sicherheitsaspekt für eine Million Jahre für Menschen greifbar zu machen.
Entwicklung autonomer Fahrzeuge in Peine
Peine Marketing: Die Endlagersuche ist stark wissenschaftsgetrieben. Welche Berufsprofile sind für die BGE besonders wichtig, um diese Aufgabe bewältigen zu können?
Iris Graffunder: In Peine, mit rund 800 Mitarbeitenden unser größter Standort, sind Wissenschaftler*innen aus sehr vielen Fachrichtungen tätig. Für die Endlagersuche brauchen wir Geowissenschaftler und weitere Naturwissenschaftler wie Physik und Chemie, außerdem Ingenieurwissenschaftler z. B. aus der Verfahrenstechnik, Maschinenbau und Bergbau, sowie Rechts- und Sozialwissenschaftler. Am Standort Peine sind außerdem Controller, Personaler, Kommunikationsexperten und Strahlenschutzingenieure beschäftigt. An unserem Standort in der Woltorfer Straße in Peine wird z.B. an Projekten zu selbstfahrenden Fahrzeugen und neuen Technologien für unter Tage gearbeitet, außerdem übertägige Infrastruktur geplant. Für Ingenieure bietet die BGE ein großes Spielfeld.
Peine Marketing: Welche Arbeit wird bei der BGE Technology GmbH in Peine geleistet?
Iris Graffunder: Unser Tochterunternehmen, die BGE Technology, ist weltweit tätig und unterstützt andere Länder bei der Auslegung ihrer Endlager. Unsere Wissenschaftler*innen der BGE Tec und auch der BGE sind international sehr gut vernetzt und dadurch auch selbst immer auf dem aktuellen Stand, was neue Techniken und Materialien im Hinblick auf die Endlagerung radioaktiver Abfälle angeht.
Peine Marketing: Im Oktober will die BGE die nächsten Arbeitsstände aus den repräsentativen vorläufigen Sicherheitsuntersuchungen veröffentlichen – was sind die nächsten Schritte bis zur Übermittlung des Standortregionenvorschlags?
Iris Graffunder: Im Herbst werden wir eine Deutschlandkarte veröffentlichen, auf der die in Frage kommende Gesamtfläche für ein Endlager für hochradioaktive Abfälle deutlich kleiner geworden ist. Bis Ende des Jahres 2027 müssen wir dann sehr viele Unterlagen und wissenschaftliche Berichte für den Standortregionenvorschlag vorbereiten. Dabei berücksichtigen wir die Erwartungshaltung des Bundesamts für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) an den Umfang und die Tiefe der Unterlagen.
Peine Marketing: Wie unterscheidet sich das heutige Standortverfahren von früheren Ansätzen der Endlagersuche?
Iris Graffunder: Früher hat man zuerst den Standort ausgesucht und dann geprüft, ob dieser geeignet ist. Heute ist es umgekehrt. Wir suchen deutschlandweit einen Standort, welcher im tiefen Untergrund die bestmögliche Sicherheit für einen Zeitraum von einer Million Jahre aufweist.
„Je langweiliger die Geologie, desto besser“
Peine Marketing: Welche geologischen Voraussetzungen sind am geeignetsten für die Endlagerung radioaktiver Abfälle?
Iris Graffunder: Wenn man es in einem Satz sagen wollte, könnte man sagen: Je langweiliger die Geologie, desto besser. Es sollten z. B. keine Störungen durch tektonische Verschiebungen geben, keinen Vulkanismus, kein Altbergbau vorliegen. Vor allem suchen wir nach einem einschlusswirksamen Gebirgsbereich, welcher die Rückhaltung der Radionuklide gewährleistet.
Peine Marketing: Die Öffentlichkeit soll die Methodik der Standortauswahl nachvollziehen können, wie gelingt es, diese hochkomplexen wissenschaftlichen Prozesse transparent zu vermitteln?
Iris Graffunder: Bisher gelingt es uns sehr gut, den Prozess darzustellen. Wir investieren viel Arbeit, um unsere Aufgaben und Prozesse zu erläutern. Beispielsweise mit unserem Endlagersuche Navigator, einem am Standort Peine entwickelten Online-Tool. Darin kann jeder seine Postleitzahl eingeben und sich über den Stand des Verfahrens an seinem Wohnort informieren. Diesen Navigator werden wir weiter ausarbeiten und dort künftig alle Berichte, die über eine Standortregion zur Verfügung stehen, bereitstellen. Wir schaffen einen möglichst einfachen Zugang, immer verbunden mit der Möglichkeit des Deep Dive – man kann sich dort auch als Experte sehr detailliert über unsere Arbeit informieren. Je enger die Auswahl für einen Endlagerstandort wird, desto größer wird die eigene Betroffenheit. Daher werden wir uns darauf einstellen, nach der Fertigstellung des Standortregionenvorschlags die Öffentlichkeit so gut wie möglich zu informieren, was das Standortauswahlverfahren für die Menschen bedeutet.
„Die Endlagersuche ist nicht nur eine wissenschaftliche Herausforderung“
Peine Marketing: Welche Bedeutung hat die Transparenz des Verfahrens für die Akzeptanz in der Gesellschaft?
Iris Graffunder: Die Endlagersuche ist nicht nur eine wissenschaftliche, sondern auch eine soziotechnische Herausforderung. Der Standort kann geologisch noch so gut geeignet sein – wenn die Menschen dies nicht akzeptieren, hilft uns das nichts. Denn am Ende wird nicht mehr wissenschaftlich diskutiert, sondern dann geht es um die Region, den Wert des eigenen Hauses und um Ängste, denen wir begegnen müssen, indem wir immer wieder über unsere Arbeit und über die Sicherheitsphilosophie beim Umgang mit radioaktiven Abfällen aufklären.
Peine Marketing: Welche Rolle spielen dabei Beteiligungsformate wie das „Forum Endlagersuche“?
Iris Graffunder: Das Forum Endlagersuche ist derzeit das beste und breiteste Format, um der Bevölkerung Teilhabe an unserem Fortschritt zu ermöglichen. Wir erläutern der breiten Öffentlichkeit unsere Arbeiten und bemühen uns, die Fragen so gut wie es geht zu beantworten. Wir überlegen stets, was wir noch besser machen können. Es ist der Anspruch des Standortauswahlgesetzes, transparent zu sein, sich selbst fortwährend zu hinterfragen und zu lernen – dies gehört zu unserer DNA.
Peine Marketing: Was möchten Sie Menschen mitgeben, die sich Sorgen wegen eines möglichen Endlagers in ihrer Region machen?
Iris Graffunder: Radioaktive Abfälle sicher zu handhaben und endzulagern, ist kein Hexenwerk. Technisch ist das möglich. Wenn man wie ich als Strahlenschutzingenieurin 30 Jahre in diesem Bereich tätig ist, weiß man, wie hoch die Sicherheitsstandards sind, wie viele Gesichtspunkte für die Sicherheitsanalysen untersucht werden und wie sorgfältig unsere Aufsichtsbehörde, das BASE, unsere Arbeit begleitet, kontrolliert und überprüft. Ich hoffe, dass wir dieses Wissen auch transportieren können, um den Menschen Ängste vor dem Thema Strahlung zu nehmen und Vertrauen in unsere Arbeit zu schaffen.
Über die BGE
Die Bundesgesellschaft für Endlagerung mbH (BGE) mit Sitz in Peine ist für die Suche, Errichtung und den Betrieb eines Endlagers für hochradioaktive Abfälle verantwortlich. Das Unternehmen errichtet außerdem das Endlager Konrad in Salzgitter für schwach- und mittelradioaktive Abfälle, legt das Endlager Morsleben in Sachsen-Anhalt still und plant die Rückholung der radioaktiven Abfälle aus der Schachtanlage Asse II. Darüber hinaus schließt das Unternehmen das Bergwerk Gorleben. Von den 2.500 Beschäftigten arbeiten rund 800 am Standort Peine.